100 Gründerinnen und gründungsinteressierte Frauen trafen sich gestern im hub:raum in Berlin zur zweiten entre.fem organisiert vom stipendiatischen Startupnetzwerk SUN.

Das Geld folgt der Inspiration

Die Keynote hielt Joana Breidenbach, Gründerin des Berliner Unternehmens betterplace.org. Eine Vollblutunternehmerin mit vielen Interessen, die immer auch Nebenprojekte betreibt. Das gefällt mir sehr gut, da eine eingleisige Beschäftigung mich schnell langweilt und ich aus der Vielfalt für jedes Projekt etwas ziehe, mindestens doch Energie.

Gestern berichtete sie über ihre sehr erfolgreiche Gründung und gab der anwesenden fast ausschließlich weiblichen Runde ein paar Empfehlungen mit auf den Weg.

Prinzip #1 – “Folg dem Knistern an Deiner Zimmerdecke!”
Die Grundidee von betterplace ist ganz einfach: ein ebay für Hilfsprojekte. Welche Ziele werden verfolgt? Zunächst geht es um die Transparenz in der Spendenvergabe, es geht Vertrauen aufzubauen durch transparente Berichte. Gleichzeitig sollen die bis dato sehr hohen Fundraisingkosten gesenkt (100% der Spenden werden weitergeleitet) und junge Spender erreicht werden.

Prinzip #2 “Kooperier mit Gleichgesinnten, die Dich ergänzen!”
Painless Giving: Der erste Kooperationspartner war payback. Paybackkunden können ihre Punkte spenden und damit Hilfsprojekte von betterplace.org unterstützen. Auf die Koop mit Payback folgten u.a. Regionalzeitschriften. Diese Kooperationen sind zum tragenden Geschäftsmodell für betterplace.org geworden. Die Partner zahlen Implementierungskosten und eine monatliche Bereitstellungsgebühr. Inzwischen werden die Tools an soziale Initiativen vermarktet, als Spendenakquisetool. Seit 2011 finanziert sich Betterplace selbst, mit inzwischen ca. 40 Mitarbeitern und einem Bedarf von 3,2 Mio Euro p.a..
Das Geld folgt der Inspiration, sagt Joana. Also loslegen und Ideen verwirklichen.

Scheitern durchleben, sagt sie zum Schluss – durchgehen und durchleben – ist wichtig, nur so kann man auf der nächsten Stufe weitermachen. Und, klar, fleißig muß man auch sein.

Die optimierte Exekution – Einblicke in den Rocket Internet Launchprozess

Nach der Keynote habe ich in den Vortrag von Dörte Hirschberg und Martin Bell reingehört. Ihr Thema war der Rocket Internet Launchprozess. Versprochen wurden Tipps & Tricks für den Start. Die Vortragenden sind Berater, die inzwischen einige Projekte bei Rocket begleitet haben, beide sind u.a. im Foodmarkt unterwegs. Und das Beraterherz schlägt vermutlich sehr hoch beim Thema Prozessoptimierung.
Rocket sieht sich als Identifier und lässt sich u.a. von Entwicklungen in den USA inspirieren. Ziel ist es, die identifizierten Geschäftsmodelle insbesondere in Entwicklungsländern zu platzieren. Das lasse ich mal wertfrei so stehen. Skaling und bzw. durch Internationalisierung sind große Themen. Der Launchprozess lebt sehr stark von den Erfahrungen der schon aufgebauten starken Marken, insbesondere das Know-How-Sharing wird gleich am Anfang für den Aufbau der Infrastruktur genutzt. Extrem wichtig ist der Aufbau von Prozessen, auch die werden komplett in jede Gründung übernommen. Der Gründer soll sich komplett auf sein Produkt konzentrieren können und den ganzen administrativen Kram erledigt Rocket. Wieweit die Prozesse in die eigentliche Produktgestaltung eingreifen, kann man nur erahnen. Eine tatsächliche unternehmerische Freiheit scheint mir hier ausgeschlossen. Wenn ich die Zielsetzung des Vortrages bis zu dem Punkt richtig verstanden hatte, ging es darum, auch Gründerinnen für das Rocketprinzip zu interessieren.

Der Gründer bekommt als erstes eine Woche lang sehr viele Setupgespräche, grundlegende Prozesse werden vorgegeben, damit er sein Produkt ungestört entwickeln kann. Effizient. Es gibt einen 85-Tage Prozess und einen 200-Tage Prozess. Nach 200 Tagen muß die Firma sowohl personell als auch von der Infrastruktur her unabhängig von Rocket sein. Irgendwie leblos und unspiriert, Lust am Gründen kam nicht rüber, eher die Lust am optimieren. Und das sind für mich zwei sehr unterschiedliche Dinge. In Deutschland ist das allerdings das Geschäftsmodell, was es bei der Finanzierung mit Abstand am leichtesten hat: funktionierende Modelle aus anderen Ländern auf neue Märkte übertragen.

Die Umwelt schonen, Mädchen in der dritten Welt in der Schule halten – mit einem kleinen Becher

Sehr inspirierend war der Vortrag über den Ruby Cup. Ein Produkt von Frauen für Frauen weltweit. Lucy Inkster, Maxie Matthiessen & Evan Brandt haben sich von Berlin aus auf die spannende und schwierige Mission gemacht, ein langlebiges und preiswertes Produkt im sozialen Bereich erfolgreich zu vertreiben.
Ein Produkt von Frauen für Frauen. Es eine ganz besondere Relevanz in den Ländern der dritten Welt. Hier verlassen Mädchen die Schulen, weil sie während der Menstruation keine Möglichkeiten zur hygienischen Versorgung haben. Auch in der ersten Welt trifft dieses Thema jedes Mädchen, jede Frau monatlich.

Für jeden gekauften Ruby Cup wird einer in Kenia verteilt. Diese Kombination funktioniert sehr gut. Es handelt sich um ein sehr langlebiges Produkt (10 Jahre), das weltweit vertrieben wird. Das Problem ist: es ist nicht ökonomisch, langlebige Produkte zu verkaufen. Hierin steckt auch die besondere Herausforderung für Ruby Cup. Ein Drogeriemarkt beispielsweise hat kein Interesse, ein solches Produkt einmalig, statt Tampons monatlich zu verkaufen, mit allen Nebenerwerben, die so auch noch verloren gehen.
Auf der Kommunikationsseite gibt es ebenfalls eine Vielzahl von Herausforderungen mit einem solchen Produkt. Wir denken nicht gern drüber nach, die Medienpräsenz für das Thema ist schwer herzustellen. Werbung gibt es zwar viel für Binden und Tampons, das Blut ist aber immer blau.
In den sozialen Medien funktioniert das Thema sehr gut. Darum haben die Macherinnen die Kampagne #stopmenstruphobia ins Leben gerufen. Weitere wichtige Maßnahmen sind das Onlinemarketing, insbesondere SEO.
Ein großer Vorteil ist die Positionierung als Social Business. Es öffnet viele Türen. Die Medien sind offener, es gibt viele Wettbewerbe, deren Gewinne man nicht zurückzahlen muß. Ruby Cup schreibt inzwischen schwarze Zahlen und ist auf dem besten Weg.

Ich habe weitere Workshops besucht und möchte an dieser Stelle ganz besonders Eva Jerrach, die einen sehr fundierten Vortrag zum Thema Gründung aus juristischer Sicht gehalten hat und auf das Projekt Venture Ladies aufmerksam gemacht hat.

Zu der Konferenz bin ich etwas zwiegespalten hingegangen. Brauchen wir überhaupt Konferenzen, die ausschließlich Frauen als Zielgruppe haben? Was unterscheidet die denn von den gängigen Startupevents? Auf jeden Fall schaden sie nicht, da bin ich mir ganz sicher. Die Vorträge waren sehr gut vorbereitet, informativ und sehr gut vorgetragen. Die Gespräche habe ich als sehr kooperativ und unterstützend erlebt. Also weiter so, Männer dürfen ja ruhig auch kommen.